Welche Probleme, die einen erfolgreichen Abruf verhindern, können zwischen der Intentionsbildung und dem tatsächlichen prospektiven Gedächtnisabruf auftreten? Was ist mit prospektiver und retrospektiver Komponente gemeint? Inwiefern sind die beiden Komponenten von allfälligen Problemen betroffen?

Kapitel 13
Prospektives Gedächtnis
Komponenten

Antwort

Das menschliche Handeln ist oft auf bestimmte Ziele ausgerichtet, welche voraussetzen, dass wir zum richtigen Zeitpunkt eine bestimmte Handlung ausführen (Baddeley et al., 2020). Solche Ziele verfolgen wir in vielen alltäglichen Situationen. Möchte ich beispielsweise meine übliche Laufrunde abkürzen, so wähle ich gedanklich eine geeignete Strecke aus und fasse noch vor dem Start den Entschluss, an einer bestimmten Stelle eine Abzweigung zu wählen. Damit mir dies gelingt, muss ich mich später an der richtigen Stelle an meine Absicht erinnern. Zwischen der Intentionsbildung und dem tatsächlichen Abruf der Absicht können verschiedene Fehler auftreten.

Baddeley et al. (2020) unterscheidet zwischen dem retrospektiven und dem prospektiven Gedächtnis. Das retrospektive Gedächtnis bezieht sich auf die Vergangenheit und umfasst Informationen, die wir im Verlaufe unseres Lebens erfahren haben. Es fokussiert sich auf das, «was» wir erinnern und hat oft einen hohen informativen Inhalt. Das prospektive Gedächtnis hingegen ist in die Zukunft gerichtet und umfasst Pläne und Ziele, die wir für unsere täglichen Aktivitäten formen. Es beinhaltet weniger Informationen und fokussiert sich darauf, «wann» etwas getan werden soll (Baddeley et al., 2020).

Zogg et al. (2012, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 427) gliedert das prospektive Gedächtnis in seinem konzeptionellen Modell in fünf Teilprozesse. Zu Beginn erfolgt die Intentionsbildung, wobei eine Person eine Absicht formt oder kodiert, die sie beim Eintreten eines bestimmten Ereignisses (ereignisbezogener Hinweis) oder eines bestimmten Zeitpunktes (zeitbezogener Hinweis) ausführen will. Nach der Bildung dieser Absicht erfolgt in der Regel ein Rückhalteintervall, das mehrere Minuten oder sogar Wochen dauern kann, bis die Absicht umgesetzt wird. Während diesem Zeitraum überwacht die Person mit automatischen oder strategischen Prozessen ihre Umwelt. Wird ein entsprechender Hinweis erkannt, erfolgt der Abruf der entsprechenden Absicht aus dem retrospektiven Gedächtnis sowie die Ausführung der beabsichtigten Handlung.

Die Überwachungsprozesse während des Rückhalteintervalls können die kognitiven Ressourcen unterschiedlich stark beanspruchen. McDaniel et al. (2015, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 434) unterscheidet dabei zwischen zwei Arten von laufenden Aufgaben, die gleichzeitig zur prospektiven Gedächtnisaufgabe ausgeführt werden. Eine «fokale Aufgabe» erfordert eine ähnliche Verarbeitung wie die des Zielreizes, während eine «nichtfokale Aufgabe» eine andere Verarbeitung und somit zusätzliche Ressourcen beansprucht. Bei nichtfokalen Aufgaben werden häufiger strategische Prozesse eingesetzt, die «top-down»-Aufmerksamkeitskontrollprozesse beinhalten und auf einem absichtlichen Abruf basieren. Ein spontaner Abruf hingegen erfolgt häufiger bei fokalen Aufgaben und wird durch «bottom-up»-Prozesse ausgelöst, welche kein Monitoring erfordern, sondern automatisch erfolgen. Nach dem dynamischen Multiprozess-Rahmen (Shelton & Scullin, 2017, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 435) interagieren die «top-down»- und» bottom-up»-Prozesse dynamisch miteinander unter Einfluss des Metagedächtnisses.

Zogg et al. (2012) zeigt mit seinem konzeptionellen Modell, dass das prospektive Gedächtnis auf verschiedene Weise von Problemen betroffen sein kann, die sich auf dessen retro- oder prospektive Komponente beziehen.

Das Überwachen der Umwelt nach Hinweisen benötigt Ressourcen aus dem Arbeitsgedächtnis und kann zu Interferenzen mit der laufenden Aufgabe führen. Ist das Arbeitsgedächtnis durch eine laufende Aufgabe ausgelastet, können Hinweise übersehen werden (Shelton & Scullin, 2017, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 430). Lasse ich also während meiner Laufrunde meine Gedanken schweifen, kann es sein, dass ich es verpasse, beim Erreichen der Verzweigung die Abkürzung zu nehmen. Gewohnte Handlungsabläufe werden durch «bottom-up»-Prozesse überwacht. Werden solche Routinen verändert oder unterbrochen, können entsprechende Hinweise ausbleiben oder übersehen werden (Shelton & Scullin, 2017, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 430). Die Wahrscheinlichkeit, einen Hinweis zu verpassen, steigt zudem, wenn die laufende Aufgabe als wichtig erachtet und dadurch das Monitoring reduziert wird (Baddeley et al., 2020). Das zeitbezogene prospektive Gedächtnis ist grundsätzlich schlechter als das ereignisbezogene (Conte & McBride, 2018, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 433). Es bietet weniger Hinweise und ist von der Fähigkeit abhängig, wie genau eine Person Zeitverhältnisse einschätzen kann (Waldum & McDaniel, 2016, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 432). Weitere Probleme betreffen den Abruf der beabsichtigten Handlung nach der Intentionsbildung und dem erfolgreichen Erkennen des Hinweises. Die abzurufende Absicht kann dabei, aufgrund ihrer Komplexität, ihrer Beziehung zu anderen gespeicherten Absichten oder konkurrierender Absichten, nicht aus dem retrospektiven Gedächtnis erinnert werden (Zogg et al., 2012, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 428). In diesem Fall erkenne ich zwar auf meiner abgekürzten Laufrunde die richtige Verzweigung, habe jedoch vergessen, in welche Richtung ich abbiegen will.

Zusammengefasst funktioniert das prospektive Gedächtnis durch das Zusammenwirken seiner prospektiven und retrospektiven Komponenten. Diese gewährleisten im Wesentlichen, dass ein Hinweis erkannt und die damit verknüpfte Absicht abgerufen werden kann. Kognitive Überlastung, Interferenzen mit anderen Aufgaben, Veränderung von Routinen oder Abrufschwierigkeiten können dabei unterschiedliche Probleme hervorrufen und zu Gedächtnisfehlern führen.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage), 425–445.

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Der Text gibt einen guten Überblick über die Teilprozesse des prospektiven Gedächtnisses. Achten Sie allerdings darau, dass alle zentrale Begriffe eingeführt und definiert werden. In Ihrem Text fehlt die Einführung von Monitoring und dem Konzept einer laufende Aufgabe.

Ebenso ist die Frage, was mit prospektiver und retrospektiver Komponente gemeint ist nur implizit beantwortet worden. Benennen Sie dahr Begrifflichkeiten in ihrem Text genau.

Stellen Sie zudem sicher, dass Ihre Beispiele korrekt gewählt sind. Das reine “schweifen lassen” der Gedanken würde nicht das Arbeitsgedächtnis benötigen.

Note: 5.0