Wie unterscheidet sich prospektives Gedächtnis von retrospektivem Gedächtnis? Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Wie sieht ein typisches Laborexperiment zum Testen von prospektivem Gedächtnis aus?

Kapitel 13
Prospektives Gedächtnis
Retrospektives Gedächtnis

Antwort

Vergleich von prospektivem und retrospektivem Gedächtnis

Vielleicht kennen Sie das: Man plant, ein ausgeliehenes Buch der Bibliothek rechtzeitig zurückzugeben, doch erst die Erinnerungsnachricht nach Fristablauf macht einem bewusst, dass man diese Rückgabeabsicht vergessen hat. 

Versagt hat hier das prospektive Gedächtnis. Baddeley und Kollegen (2020, S. 425) definieren dies als die Fähigkeit, eine Handlungsabsicht im Gedächtnis zu behalten und diese zum gegebenen Zeitpunkt ohne Aufforderung wie geplant auszuführen. Es wird zwischen ereignisbasiertem und zeitbasiertem prospektivem Gedächtnis unterschieden. Beim ereignisbasierten prospektiven Gedächtnis dient ein Ereignis als Hinweis zur Ausführung der Absicht, beim zeitbasierten eine bestimmte Zeit (Baddeley et al., 2020, S. 432). Ein wesentliches Merkmal prospektiver Gedächtnisaufgaben ist ihre Einbettung in laufende Aufgaben und Aktivitäten (Smith et al., 2017).

Im Gegensatz dazu beschreibt das retrospektive Gedächtnis die Fähigkeit, sich an Personen, Worte und Ereignisse aus der Vergangenheit zu erinnern (Baddeley et al., 2020, S. 425). Beispielsweise die Erinnerung an eine im letzten Jahr bezahlte Mahngebühr für ein verspätet zurückgegebenes Buch.

Prospektives und retrospektives Gedächtnis unterscheiden sich laut Baddeley und Kollegen (2020, S. 426) in mehreren Punkten. 

Erstens besteht ein wesentlicher Unterschied in der zeitlichen Ausrichtung. Prospektives Gedächtnis ist zukunftsorientiert und speichert zukünftige Absichten, während retrospektives Gedächtnis auf die Vergangenheit ausgerichtet ist und sich auf Informationen bezieht, die früher gelernt oder erlebt wurden. 

Zweitens unterscheiden sich die beiden Gedächtnisarten im inhaltlichen Umfang. Retrospektives Gedächtnis speichert umfangreiche Informationen über Erlebtes und allgemeines Wissen, während prospektives Gedächtnis sich auf den Zeitpunkt einer zukünftigen Handlung konzentriert und weniger Details enthält. 

Drittens ist das prospektive Gedächtnis eng mit den Plänen und Zielen unserer Alltagsaktivitäten verbunden, während dies beim retrospektiven Gedächtnis nicht der Fall ist. 

Viertens sehen Zogg und Kollegen (2012) den Hauptunterschied darin, dass retrospektives Gedächtnis durch externe Abrufhinweise und explizite Abrufaufforderungen unterstützt wird. Prospektives Gedächtnis beruht hingegen auf der selbstständigen Erkennung von Hinweisreizen sowie dem eigeninitiierten Abruf der entsprechenden Absicht. 

Schliesslich wird Gedächtnisversagen meist unterschiedlich interpretiert. Prospektives Gedächtnisversagen, besonders das Vergessen von Zusagen gegenüber Dritten, wird oft als Mangel an Motivation oder Zuverlässigkeit betrachtet, während retrospektives Gedächtnisversagen eher als eingeschränkte Gedächtnisleistung gedeutet wird (Graf, 2012, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 426). 

Trotz dieser Unterschiede spielen im Alltag beim Erinnern und Vergessen laut Baddeley und Kollegen (2020, S. 427) meist beide Gedächtnisarten eine Rolle. Um ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, muss man sich an diese Absicht erinnern (prospektives Gedächtnis) und gleichzeitig die geäusserten Wünsche des Geburtstagskindes abrufen (retrospektives Gedächtnis). 

Uttl und Kollegen (2018) entdeckten, dass retrospektives und ereignisbasiertes prospektives

Gedächtnis moderat mit Intelligenz korrelieren und Zusammenhänge mit

Verarbeitungsgeschwindigkeit und Arbeitsgedächtnis aufweisen, wobei die Korrelationen für das retrospektive Gedächtnis etwas stärker sind. Darüber hinaus korrelieren prospektives und retrospektives Gedächtnis signifikant miteinander. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass die Ergebnisse aus Laboruntersuchungen stammen und nur eingeschränkt auf natürliche Umgebungen übertragbar sind. 

Laborparadigma des prospektiven Gedächtnisses

Einstein und McDaniel (1990) entwickelten ein Laborparadigma zur Untersuchung des prospektiven

Gedächtnisses. Dieses Paradigma wird im Folgenden vereinfacht und exemplarisch anhand der Studie von Cottini und Meier (2020) erläutert, in der eine ereignisbasierte Aufgabe zum prospektiven Gedächtnis verwendet wurde. 

In der ersten Phase des Experiments bearbeiteten die Versuchspersonen eine laufende Aufgabe, bei der sie durch Tasteneingaben diskriminieren mussten, ob gezeigte Bildpaare identisch waren. Diese Phase diente als Baseline. 

In der zweiten Phase erhielten die Versuchspersonen einmalig die prospektive Aufgabeninstruktion, bei zukünftigen Tierbildpaaren eine andere Taste zu drücken. Diese Instruktion musste eigenständig im Gedächtnis behalten werden, ohne weitere Erinnerungen. Die Aufrechterhaltung dieser Intention wurde durch ein zehnminütiges Behaltensintervall erschwert, in dem die Versuchspersonen eine räumliche Denkaufgabe als Distraktor bearbeiteten. 

In der dritten Phase wurde die Diskriminierungsaufgabe aus der ersten Phase wiederholt, mit eingestreuten Tierbildpaaren, bei denen gemäss der prospektiven Aufgabeninstruktion eine andere

Tastenantwort erwartet wurde, sofern die Versuchspersonen die Intention aufrechterhalten und das Tierbildpaar als entsprechenden Abrufhinweis erkennen konnten. Prospektive Aufgaben werden meist selten präsentiert, um die Herausforderung zu erhöhen. 

Es wurde gemessen, ob die Versuchspersonen sich selbstinitiiert an die prospektive Gedächtnisaufgabe erinnerten, wobei die Leistung anhand des Anteils korrekter Tasteneingaben auf die eingestreuten prospektiven Aufgaben erfasst wurde. Die Überwachungskosten wurden analysiert, indem die Aufgabenleistung zwischen der Baseline und der dritten Phase verglichen wurde, wobei Unterschiede in den Reaktionszeiten auf die Intentionsaufrechterhaltung hindeuteten. 

Neben ereignisbasierten können auch zeitbasierte prospektive Gedächtnisaufgaben getestet werden, bei denen der Hinweisreiz eine Zeitdauer ist. So mussten beispielsweise Versuchspersonen in einer Studie von Laera und Kollegen (2024) selbstinitiiert daran denken alle zwei Minuten eine bestimmte Taste zu drücken. 

Prospektive Gedächtnisaufgaben bestehen aus zwei Komponenten: Einer prospektiven, die angibt, dass etwas getan werden muss, und einer retrospektiven, die beschreibt, was getan werden soll (Einstein & McDaniel, 1990). Da das Hauptinteresse der prospektiven Komponente gilt, wird die retrospektive in Laborparadigmen möglichst einfach gehalten (z.B. Meier & Zimmermann, 2015). 

Abschliessend sei darauf hingewiesen, dass es Bedenken hinsichtlich der ökologischen Validität prospektiver Laborstudien gibt, da die Generalisierbarkeit der Ergebnisse auf reale Bedingungen möglicherweise nicht gewährleistet ist (z.B. Meier, 2019).       

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge. S.425-428

Cottini, M., & Meier, B. (2020). Prospective memory monitoring and aftereffects of deactivated intentions across the lifespan. Cognitive Development, 53, Article 100844. https://doi.org/10.1016/j.cogdev.2019.100844

Einstein, G. O., & McDaniel, M. A. (1990). Normal Aging and Prospective Memory. Journal of Experimental Psychology. Learning, Memory, and Cognition, 16(4), 717–726. https://doi.org/10.1037//0278-7393.16.4.717

Laera, G., Brummer, J., Hering, A., Kliegel, M., & Horn, S. (2024). The cost of monitoring in timebased prospective memory. Scientific Reports, 14(1), 2279. https://doi.org/10.1038/s41598-024-52501-w

Meier, B. (2019). Toward an Ecological Approach to Prospective Memory? The Impact of Neisser’s Seminal Talk on Prospective Memory Research. Frontiers in Psychology, 10, Article 1005. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.01005

Meier, B., & Zimmermann, T. D. (2015). Loads and loads and loads: The influence of prospective load, retrospective load, and ongoing task load in prospective memory. Frontiers in Human Neuroscience, 9, Article 322. https://doi.org/10.3389/fnhum.2015.00322

Smith, R. E., Hunt, R. R., & Murray, A. E. (2017). Prospective memory in context: Moving through a familiar space. Journal of Experimental Psychology. Learning, Memory, and Cognition, 43(2), 189–204. https://doi.org/10.1037/xlm0000303

Uttl, B., White, C. A., Cnudde, K., & Grant, L. M. (2018). Prospective memory, retrospective memory, and individual differences in cognitive abilities, personality, and psychopathology. PLoS ONE, 13(3), Article e0193806. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0193806

Zogg, J. B., Woods, S. P., Sauceda, J. A., Wiebe, J. S., & Simoni, J. M. (2012). The role of prospective memory in medication adherence: A review of an emerging literature. Journal of Behavioral Medicine, 35(1), 47–62. https://doi.org/10.1007/s10865-011-9341-9

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Der Text gibt einen güten Überblick über die Unterscheidung zwischen prospektivem und retrospektivem Gedächtnis. Die Merkmale der beiden Gedächtnisfunktionen wuren dabei gut miteinander verglichen und voneinander abgegrenzt. Ebenfalls sehr gut ist das Aufzeigen eines typischen Experiments mithilfe von Cottini und Meier (2020). Besonders positiv hervorzuheben ist daher die zusätzliche Literatur, welche für die Beantwortung dieser Frage gesichtet wurde.

Beachten Sie allerdings folgende formellen Aspekte hinsichtlich der APA-Richtlinien:

  • Nach APA werden keine Begriffe in fett geschrieben

  • Auch im Text wird ab drei Autor*innen mit et al. abgekürzt und nicht “und Kollegen” benutzt.

  • Es wird empfohlen, dass Absätze immer mindestens zwei Sätze oder mehr enthalten.

Note: 5.75