Erklären Sie einer Studienkollegin, wie sie möglichst nachhaltig Lernen kann, damit das erworbene Wissen noch lange nach der Prüfung erhalten bleibt.
Antwort
Damit nachhaltiges Lernen gelingt, sollte man gemäss Baddeley et al. (2020) Aktivitäten und Strategien anwenden, welche die Kodierung, das Behalten und den Abruf von Information fördern. Informationen sollten an bereits vorhandenes Wissen angeknüpft werden können und es macht auch Sinn, Faktoren oder Zustände, welche die kognitiven Leistungen fördern, zu berücksichtigen und den eigenen Lernprozess gut zu planen und den Lernfortschritt zu überwachen.
Baddeley et al (2020) erwähnt die Studie von Dunlosky, Rawson, Marsh, Nathan und Willingham (2013), in welcher, zehn verschiedene Lerntechniken getestet wurden. Dabei wurden der Testeffekt (Karpicke et al.,2009, nach Baddeley 2020) und das verteilte Lernen (Cepeda, Pashler, Vul, Wixted und Rohrer, 2006, nach Baddeley 2020) als die nützlichsten Techniken eingestuft. Beim Testeffekt geht es darum, dass das neu erworbene Wissen, am nachhaltigsten im Gehirn hängen bleibt, wenn es nach der Lernphase zum Beispiel mit Testfragen abgerufen wird, anstatt die Lernphase einfach zu wiederholen. Konkret bedeutet dies, anstatt ein Kapitel zweimal zu lesen, ist es nachhaltiger, wenn man das Kapitel nach dem ersten Mal Durchlesen, aus dem Kopf zusammenfasst oder Fragen dazu beantwortet. Dies fühlt sich für den Lernenden zwar oft anstrengender und ineffizienter an, aber gemäss der Theorie des Abrufaufwandes von Rowland (2014, nach Baddeley 2020) ist der Testeffekt am stärksten, wenn der Abrufaufwand besonders hoch ist. Die duale Gedächtnistheorie von Rickard und Pan (2018, nach Baddeley 2020) konnte erklären, dass wenn Lernende Abrufbemühungen anwenden, sich die beim ersten Lernen gebildete Gedächtnisspur verstärkt und sogar zur Bildung einer zweiten Gedächtnisspur führt. Voraussetzung dafür ist, dass der oder die Lernende während dem Test beziehungsweise direkt nach dem Abruf ein Feedback erhält. Das Testen mit Abrufbemühungen fördert somit im Allgemeinen ein besseres Gedächtnis, im Gegensatz zum erneuten Lernen bzw. reine Wiederholen des Lernstoffes. Das verteilte Lernen wurde in der Studie von Dunlosky (2013, nach Baddeley 2020) als zweitwirksamste Lerntechnik erörtert. Lernstoff sollte über die Zeit und in Portionen verteilt und nicht aufs Mal in kurzer Zeit gelernt werden. Die Metastudie von Cepeda et al. (2006, nach Baddeley 2020) konnte den Effekt des verteilten Lernens eindeutig bestätigen. Gerbier & König (2015, nach Baddeley 2020) erklären, dass massiertes Lernen aufgrund von Verarbeitungsdefiziten weniger effektiv ist, als verteiltes Lernen. Der Stoff kommt dem Lernenden beim massierten Lernen bekannter vor und wird deshalb weniger tief verarbeitet. Es könnte auch sein, dass eine Verbindung zwischen dem Testeffekt und Effekt des verteilten Lernens besteht. Da der Testeffekt in der Regel am stärksten ist, wenn ein erheblicher Aufwand erforderlich ist und beim verteilten Lernen der Abrufaufwand eher grösser ist, als beim massierten Lernen.
Damit Lerninhalte langfristig abrufbar im Gedächtnis bleiben, ist es wichtig, dass die Inhalte wirklich verstanden werden. Dafür müssen neue Inhalte an bestehendes Wissen angeknüpft werden können. Je mehr Verbindungen zum bereits vorhandenen Wissen bestehen, desto tiefer und nachhaltiger wird das neue Wissen im Gedächtnis verankert. Deshalb ist gemäss Baddeley (2020) sinnvolles und bedeutungsvolle Codieren ebenfalls ein sehr wichtiger Faktor für nachhaltiges Lernen. Eine Möglichkeit, um neues Wissen anzuknüpfen, neue Konzepte besser zu verstehen oder einen breiten Überblick über ein Thema zu erhalten, ist das Erstellen einer Concept Map. Eine Concept Map ist ein „Knoten-Link-Diagramm, in dem jeder Knoten ein Konzept darstellt und jeder Link die Beziehung zwischen den beiden Konzepten, die er verbindet, identifiziert” (Schroeder, Nesbit, Anguiano & Adescope, 218, S.431, zitiert nach Baddeley 2020). Es ist dabei wichtig, dass die Concept Map möglichst eigenhändig erstellt wird. Das eigene Konstruieren erfordert nämlich eine tiefere kognitive Verarbeitung, als wenn die Karte einfach nur studiert würde. Dazu erwähnt Baddeley die Studie von Schroeder et al. (2018). Konkret würde ich empfehlen nach dem Lesen eines Buchkapitels durch Abruf eine Concept Map eigenhändig zu erstellen (Abruf), anschliessend ohne im Buch nachzulesen, sich zu überlegen, wo eventuell noch Lücken vorhanden sein könnten (Reflexion) und diese erst dann nachzuschauen und zu ergänzen.
Damit nachhaltiges Lernen gelingt, dürfen natürlich neben der Testeffektstrategie, dem verteilten Lernen, bedeutungsvollem Codieren und anderen Lernstrategien auch Faktoren, welche die kognitiven Leistungen fördern, nicht vergessen werden. Ich empfehle meiner Studienkollegin genug zu schlafen, Sport zu treiben, allgemein einen aktiven Lebensstil zu pflegen und sich gesund zu ernähren. Ausserdem empfehle ich, das eigene Lernen stets zu überwachen, sich zu überlegen, wo man gerade im Lernprozess steht und das Lernen und die Strategien dementsprechend anzupassen.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.
Bewertung
Die Frage wurde zufriedenstellend beantwortet und der Text gibt somit einen guten Überblick über den aktuellen Wissensstand zum nachhaltigen Lernen. Versuchen Sie mehr Absätze zu unterteilen. Dies erleichtert den Lesefluss des Textes. Pro Gedanke oder Aussage sollte ein Absatz bestehen. Ebenfalls könnte im Abschnitt zum Lernen mittels Concept Maps expliziter auf die Thematik der Organisation eingegangen werden und dadurch auch Verknüpfungen zu früheren Kapiteln aus dem Lehrbuch gemacht werden.
Beachten Sie bitte, dass beim Verweis auf Studien mit drei oder mehr Autor*innen jeweils nur der Name der ersten Person genannt wird und die anderen mittels “et al.” abgekürzt werden.
Note: 5.75