In welchen Situationen funktionieren visuelle Mnemoniken besser und in welchen funktionieren verbale Mnemoniken besser? Begründen Sie Ihre Antwort möglichst mit empirischen Befunden.

Kapitel 17
visuelle Mnemoniken
verbale Mnemoniken

Antwort

Bei alltäglichen Abläufen ist das Arbeitsgedächtnis für uns von zentraler Bedeutung. Sei es beim Einkaufen, Kochen oder Planen (Schacter et al., 2007). Obwohl unser Gedächtnis eine fast unvorstellbare Kapazität hat, werden uns dessen Limiten immer wieder vor Augen geführt. Zur Unterstützung des Arbeitsgedächtnisses, kann die Kapazität miMels Mnemoniken, im Sinne von Abrufstrukturen, erweitert werden. Dabei wird auf Gedächtnisinhalte des Langzeitgedächtnis zurückgegriffen (Ericsson & Kintsch, 1995, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 546).

Bei Mnemoniken lässt sich zwischen visuellen und verbalen Methoden unterscheiden. Wobei visuelle und verbale Stützen oZ zusammen eingesetzt werden (Hu & Ericsson, 2012). 

Zu den visuellen Methoden gehören unter anderem die Methode der Orte und die Stichwort-Methode. Diese beiden Mnemoniken ähneln sich im Sinne von Ericsson’s (1988, zittert nach Baddeley et al., 2020, S. 546) Aufstellung der drei Prinzipien für erfolgreiches Strategietraining: Bedeutungsvolle Kodierung, Abrufstrukturen und Beschleunigungsprinzip. Die Bedeutungsvolle Kodierung setzt voraus, dass man sich durch die Gedächtnisstützen intensiver mit dem zu lernenden Inhalt auseinandersetzt, als wenn man eine Wortliste nur durchlesen würde. Abrufstrukturen haben den Vorteil, dass Strukturen und dementsprechend Vorwissen aus dem Langzeitgedächtnis zur Erweiterung der Kapazitäten des Arbeitsgedächtnisses genutzt werden können. Schliesslich kann die aufgewendete Zeit durch gezieltes Üben reduziert werden. 

Die Methode der Orte ist eine der bekanntesten und am weitesten verbreiteten Methoden. Dabei wird eine Route (z.B. Arbeitsweg) asugesucht, an welcher man sich mental orientieren kann. Jedem Anhaltspunkt, z.B. Haustür, Kreuzung, Bushaltestelle, etc., wird ein Wort aus der zu lernenden Wortliste zugewiesen. Wie in der Studie von Dresler et al. (2017) gezeigt werden konnte, ist die Medothe der Orte sehr effektiv beim Speichern und Abrufen von Wortlisten in gegebener Reihenfolge. Die Versuchspersonen aus der Experimentalgruppe konnten sich die Worte viel besser und länger merken, im Vergleich zu Versuchpersonen aus den aktiven und passiven Kontrollgruppen.

Ein weiterer erwähnenswerter Anwendungsbereich für die Methode der Orte, ist deren Einsatz für Patienten in Remission von chronischer Depression. Diese PaUenten können sich mit Hilfe der Methode der Orte posiUve presönliche Erinnerungen besser merken und diese zur Emotionsregulation abrufen. (Werner-Seidler & Dalgleish, 2016, zitiert anch Baddeley et al., 2020, S. 542).

Andere visuelle Mnemoniken finden im Alltag meist wenig Anwendung, da sie vorangehende Wissensangeignung erfordern oder sehr zeit- und ressourcenintensiv sind. Hier mit eingeschlossen ist die Stichwort-Methode. Interessanterweise konnte bei der Stichwort-Methode keine retroaktie Interferenz festgestellt werden (Carney & Levin, 2011, ziUert nach Baddeley 2020, S. 543), wobei die Methode der Orte, bei mehreren Wortlisten immer wie anfälliger wird.

Bei der Auswahl der anzuwenden Mnemoniken, kommt es darauf an, in welcher Form der zu lernende Inhalt präsentiert wird. Ist der Inhalt oral präsentiert eignet sich die Methode der Orte besser, als wenn der Inhalt in schriZlicher Form präsentiert wird. Dieser Effekt ist auf eine selektive Interferenz zwischen dem Lesen und der visuell-räumlichen Vrostellung zurückzuführen (De Beni, Moé, and Cornoldi, 1997, zitiert nach Baddeley et al. 2020, S. 542)

Je nach Modaliät macht es dementsprechend Sinn, entweder eine visuelle oder aber eine verbale Mnemonik einzusetzen.

Die Geschichten-Mnemonik ist ein Beispiel der verbalen Mnemonik. Dabei werden Wörter in einer besUmmten Reihenfolge in eine Geschichte verpackt. Obwohl die Geschichten-Mnemonik als verbale Mnemonik angesehen wird, ist zu beachten, dass auch visuelle Vorstellungen involviert sind (Baddeley et al., 2020). 

Wie bei der Studie von Hu, Ericsson, Yang und Lu (2009, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 545) zu sehen ist, kann man Mnemoniken kombiniert anwenden. Der Mnemoniker Chao Lu hat sich 40 Wörter in vorgegebener Reihenfolge gemerkt. Er hat dabei die Chunking-Methode, die Geschichten-Mnemonik und die Methode der Orte als Paket angewendet. Mit dieser Kombination von Gedächtnisstützen, konnte er den Effekt von retroaktiver Interferenz weitgehend umgehen.

Eine weiterführende Studie um Chao Lu (Hu & Ericsson, 2012) hatte ausserdem zum Ziel, die Unterschiede zwischen schnellem und repetiertem Lernen auf der einen und dem Lernen von grossen Mengen auf der anderen Seite. Es hat sich herausgestellt, dass Chao Lu keine besondere Gabe hatte, sich grosse Zahlenmengen zu merken, wenn diese in schneller Abfolge präsentiert wurden. Jedoch konnte er sich im selbstbesUmmten Tempo längere Listen besser merken.

Die Geschwindigkeite scheint ein zentraler Punkt zu sein. Wenn zu merkende Wörter nur kurz präsentiert werden, ist es schwierig sich eine Geschichte dazu auszudenken. Erfahrene Mnemoniker gelingt dies deutlich besser als Laien. Wenn genügend Zeit vorhanden ist, unterscheiden sich die Leistungen von Mnemoniker und deren der Kontrollgruppen nicht signifikant (Hu & Ericsson, 2012). Womit wir wieder bei Ericsson’s Beschleunigungsprinzip angelangt sind.

Abschliessend lässt sich festhalten, dass die Auswahl der Mnemonik von der Modalität des zu lernenden Inhalts abhängig ist. Bei langen Wortlisten wird am besten auf eine Kombination vo Methoden zurückgegriffen. Ausserdem: Übung macht den Meister. 

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M.W., & Anderson, M.C. (2020). Memory (3rd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9780429449642

Dresler, M., Shirer, W. R., Konrad, B. N., Müller, N. C. J., Wagner, I.C., Fernàndez, G., Czisch, M., & Greicius, M. D. (2017). Mnemonic Training Reshapes Brain Networks to Support Superior Memory. Neuron, 93(5), 1227-1235.e6. https://doi.org/10.1016/j.neuron.2017.02.003 

Hu, Y., & Ericsson, K. A., (2012). Memorization and recall of very long lists accounted for within the Long-Term Working Memory framework, Cognitive Psychology, Volume 64, Issue 4, 2012, Pages 235-266, ISSN 0010-0285, https://doi.org/10.1016/j.cogpsych.2012.01.001

Schacter, D., Addis, D. & Buckner, R. (2007). Remembering the past to imagine the future: the prospective brain. Nat Rev Neurosci 8, 657–661. https://doi.org/10.1038/nrn2213 

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Der Text beantwortet die Frage zufriedenstellend. Ohne das Hintergrundwissen des Lehrbuches sind einige Mnemoniken durch den Text schwierig nachzuvollziehen. So wird aus Ihrer Beschreibung nicht ganz klar, wieso die Stichwort-Methode als visuelle Mnemonik zählt, die Geschichten Methode jedoch nicht. Eine kurze Beschreibung der Stichwort-Methode, ähnlich zur Methode der Orte, hätte hier klarheit bringe können. Durch explizite Beispiele könne Sie zudem den Leser gezielter durch Ihre Gedankengänge führen.

Beachten Sie, dass das Lehrbuch Memory, sowie die Volumes der zitierten Journals kursiv gesetz werden müssen. Versuchen Sie zudem den Text so zu schreiben, dass Sie Absätze bestehend aus einzelnen Sätzen vermeiden.

Note: 5.5