Welche Faktoren beeinflussen den Lernerfolg? Wie kann damit gegen die Gesamtzeithypothese (total time hypothesis) argumentiert werden?
Antwort
Lernerfolg ist in hohem Masse abhängig von der Art des Lernens, wobei einige erfolgreicher zu sein scheinen als andere. Einige wichtige Konzepte werden im Folgenden beschrieben.
Verteiltes Üben
Unter verteiltem Üben wird das Verteilen des Übens in mehrere kürzere Sitzungen verstanden (Baddeley et al., 2020, S. 120). Der «Spacing Effect» steht dabei für das verbesserte Lernen, das sich dadurch ergibt.
So konnte Melton (1970; zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 120–121) erhöhte Abrufleistungen nachweisen, je mehr Wörter zwischen den Wiederholungen einer Wortliste lagen. Dieser Effekt zeigte sich trotz Konstanthaltung der Gesamtlernzeit. Der Nutzen nahm somit mit zunehmendem Abstand zwischen den Lernzeitpunkten zu, was als «Lag-Effect» bekannt ist.
Abrufbasiertes Lernen
Gemäss Baddeley et al. (2020, S. 127–128) ist abrufbasiertes Lernen der reinen Wiederholung vorzuziehen. Ein Beispiel für den breiteren Nutzen des abrufbasierten Lernens ist der Testeffekt, welcher sich auf die Verbesserung des Langzeitgedächtnisses bezieht, wenn der Grossteil der Lernzeit dem Abrufen der zu erinnernden Informationen gewidmet wird. Ausserdem beschreiben Baddeley et al. eine Tendenz, dass der Erfolg einer Lernphase viel grösser ist, wenn diese auf einen Abruftest des Lernstoffs folgt, was als testgestütztes Lernen bezeichnet wird.
Lernmotivation
Bewusstes Lernen wird erleichtert durch intrinsische Motivation, wovon Neugier ein wichtiger Aspekt ist (Baddeley et al., 2020, S. 131). Gruber et al. (2014; zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 131) konnten die Hypothese bestätigen, dass Neugier das Gedächtnis stärkt, indem dadurch im Hippocampus Dopamin freigesetzt wird, was das Gedächtnis verbessert.
Menge der verfügbaren Aufmerksamkeit
Lerneffektivität wird durch geteilte Aufmerksamkeit gestört (Baddeley et al., 2020, S. 134). Gehirnscans zeigten, dass eine zweite Aufgabe die Aktivität im präfrontalen Kortex reduzierte, welcher wichtig ist für die Aufrechterhaltung verbaler Informationen (Kensinger et al., 2003).
Schlaf und die Konsolidierung des Lernens
Konsolidierung beschreibt den zeitabhängigen Prozess, durch den eine Spur allmählich in das Gedächtnisgewebe eingewoben wird und durch den seine Bestandteile und Verbindungen miteinander verbunden werden (Baddeley et al., 2020, S. 138).
Jenkins und Dallenbach (1924; zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 138) untersuchten die Verbindung dieses Konsolidierungsprozesses mit Schlaf und stellten fest, dass Versuchspersonen, die nach dem Lernen schliefen, sich danach besser an das Gelernte erinnerten als diejenigen, welche die gleiche Zeit im Wachzustand verbrachten.
Stickgold und Walter (2013; zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 139–140) nehmen an, dass Schlaf eine zentrale Rolle spielt bei der sogenannten schlafabhängigen Triage, welche die Erkenntnis beschreibt, dass Schlaf das Gedächtnis für vor dem Schlaf gelernte Inhalte auf selektive Weise für auffällige Inhalte verbessert.
Zudem wurde beobachtet, dass zuvor gelerntes Material während des Schlafes häufig reaktiviert oder im Hippocampus wiedergegeben wird, was als schlafabhängige Wiederholung bezeichnet wird und die Konsolidierung des Gelernten vermutlich zusätzlich erleichtert (Baddeley et al., 2020, S. 140).
Wie lässt sich damit gegen die Gesamtzeithypothese argumentieren?
Es wurde mehrfach gezeigt, dass trotz Konstanthaltung der Lernzeit Verbesserungen in der Lernmenge erzielt werden konnten. Diese Tatsache widerspricht der Gesamtzeithypothese, welche postuliert, dass die Lernmenge eine einfache Funktion der für die Lernaufgabe aufgewendeten Zeit ist (Baddeley et al., 2020, S. 116). Diese Hypothese geht auf Herrmann Ebbinghaus zurück, welcher in Selbstexperimenten die Lerngeschwindigkeit untersuchte, indem er Listen mit bedeutungslosen Silben lernte und dabei die Anzahl Wiederholungen variierte. Nach 24 Stunden testete er die behaltene Menge, gemessen an den benötigten zusätzlichen Durchgängen, um die Listen auswendig zu lernen. Er fand heraus, dass die Anzahl Wiederholungen am ersten Tag proportional war zur behaltenen Menge am zweiten Tag: verdoppelt man die Lernzeit, verdoppelt sich auch die Menge der gespeicherten Informationen (Ebbinghaus, 1885, zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 115).
Auch Ericsson (2013; zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 116–117) merkte an, dass reine Wiederholungen nach einer gewissen Zeit kaum noch Verbesserungen ermöglichen. Nach Ericsson wird Expertise in einer Fertigkeit erreicht durch bewusstes Üben; «die Beschäftigung mit voller Konzentration in einer Trainingsaktivität, mit dem Ziel, einen bestimmten Leistungsaspekt zu verbessern, mit sofortigem Feedback, Möglichkeiten zur allmählichen Verfeinerung durch Wiederholung und Problemlösung».
Zwillingsstudien belegen zudem eine genetische Vererbbarkeit verschiedener Fertigkeiten. Beispielsweise zeigen die Ergebnisse von Mosing et al. (2014; zitiert nach Baddeley et al., 2020, S. 117), dass genetische Unterschiede die musikalischen Fähigkeiten und auch die Neigung zum Üben beeinflussen.
Ausserdem können durch intensive Übung Veränderungen in den an der Aufgabenausführung beteiligten Gehirnregionen entstehen (Baddeley et al., 2020, S. 118). Diese Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur zu verändern, als Reaktion auf veränderte Anforderungen der Umwelt, wird als strukturelle Plastizität bezeichnet.
So fanden Maguire et al. (2000) bei Taxifahrern heraus, dass das Volumen des posterioren Hippocampus, welcher entscheidend ist für die Navigationsfähigkeiten, positiv korrelierte mit der Zeit, die man als Taxifahrer verbracht hatte.
Fazit
Es ist offensichtlich, dass die aufgewendete Lernzeit einen positiven Einfluss hat auf die behaltene Menge. Jedoch ist diese Beziehung keine einfache Funktion, wie in der Gesamtzeithypothese vorgeschlagen, sondern hängt von verschiedenen Faktoren ab, welche trotz Konstanthaltung der Lernzeit zu besseren Lernerfolgen führen können.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.
Kensinger, E. A., Clarke, R. J., & Corkin, S. (2003). What neural correlates underlie successful encoding and retrieval? A functional magnetic resonance imaging study using a divided attention paradigm. The Journal of neuroscience : the official journal of the Society for Neuroscience, 23(6), 2407–2415. https://doi.org/10.1523/JNEUROSCI.23-06-02407.2003
Maguire, E. A., Gadian, D. G., Johnsrude, I. S., Good, C. D., Ashburner, J., Frackowiak, R. S., & Frith, C. D. (2000). Navigation-related structural change in the hippocampi of taxi drivers. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 97(8), 4398–4403. https://doi.org/10.1073/pnas.070039597
Bewertung
Der Text beantwortet die Frage, führt allerdings nicht alle verwendeten Begriffe ausreichend ein. Achten Sie jeweils darauf, dass die verwendeten Begriffe im Text definiert werden. Eine solche Definition fehlt beispielsweise für die (Gedächtnis-)Spur.
Die verwendete Text-Struktur ist nicht ideal und könnte verbessert werden. So werden bei der Argumentation gegen die Gesamtzeithypothese neue Argumente vorgebracht, welche nicht in der vorherigen Theorie erwähnt wurden.
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Note: 5.25