Wie differenzieren sich klassische und operante Konditionierung? Nennen Sie Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Nennen Sie jeweils ein typisches Experiment für beide.
Antwort
Sowohl die klassische als auch die operante Konditionierung sind Grundformen des Lernens im Bereich der behavioralen Psychologie. Die klassische Konditionierung basiert auf der Assoziation zwischen zwei Reizen. Bei diesem Lernprozess ruft ein ursprünglich neutraler Reiz durch wiederholte Kopplung mit einem unkonditionierten Stimulus (US) als konditionierter Stimulus (CS) eine Reaktion hervor, die ursprünglich nur durch den US ausgelöst wurde. Der russische Physiologe Ivan Pavlov entdeckte den Effekt der klassischen Konditionierung in seinen Experimenten mit Hunden (1927, zitiert nach Baddeley et al., 2020). Er stellte fest, dass die Hunde Speichel produzierten, sobald sie sein Kommen hörten, da sie dies mit der Futtergabe assoziierten. Mit der Paarung einer Glocke (neutraler Stimulus) und Fleischpulver (unkonditionierter Stimulus, US), belegte er seine Vermutung, dass nach einigen Wiederholungen die Glocke selbst als konditionierten Stimulus (CS) den Speichelfluss (konditionierte Reaktion, CR) herbeiführte. Dieser Prozess ist in sehr vielen Organismen, sogar Fruchtfliegen, beobachtbar (Tully & Quinn, 1985, zitiert nach Baddeley et al., 2020), und scheint ein wichtiger Mechanismus zu sein, um Reize der Umwelt mit physiologischen Reaktionen zu assoziieren, sodass der Organismus auf adaptive Art auf seine Umgebung reagieren kann. Beim Menschen konnte bisher die Konditionierung einer Reihe verschiedener biologischer Prozesse beobachtet werden, wie zum Beispiel der Drogenkonsum. Wird eine Droge immer im gleichen Kontext eingenommen, wird der Kontext zum CS und löst die physiologische Reaktion aus, die sonst der Drogenkonsum auslöst. Der Körper leitet Abwehrmechanismen noch vor Einnahme der Droge ein, um deren Effekt zu dämpfen. Durch die Konditionierung wird der Mensch dazu angetrieben mehr zu konsumieren. Diese konditionierte Abwehrreaktion führt dazu, dass das Risiko einer Überdosierung in ungewohnten Kontexten erhöht ist, da Drogenkonsumenten in neuen Situationen, in denen die Umgebung nicht mit der Drogeneinnahme assoziiert ist, die gewohnte Menge konsumieren, obwohl die konditionierten Schutzmechanismen des Körpers nicht greifen (Everitt & Robbins, 2016; Koob & Volkow, 2016, zitiert nach Baddeley et al., 2020). Eine Studie von Bechara et al. (1995, zitiert nach Baddeley et al., 2020) zeigte auf, dass die Konditionierung zumindest teilweise in der Gehirnstruktur Amygdala, welche in der emotionalen Verarbeitung beteiligt ist, stattfinden muss, da Patienten mit beidseitigen Amygdala-Läsionen nicht konditioniert werden konnten.
Im Gegensatz zur klassischen Konditionierung bezieht sich die operante Konditionierung auf die Konsequenzen von Verhalten. Bei diesem Lernprozess wird ein Verhalten durch Verstärkung oder Bestrafung beeinflusst, das heisst, dass auf ein Verhalten entweder ein positiver oder ein negativer Reiz folgt. Je nachdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten wiederholt wird grösser oder kleiner. B. F. Skinner (1938) demonstrierte dies durch sein Experiment mit der sogenannten „Skinner-Box”. In dieser Box befand sich eine Ratte, die durch Zufall einen Hebel drückte und daraufhin mit Futter belohnt wurde. Diese Belohnung führte dazu, dass das Verhalten – das Drücken des Hebels – verstärkt wurde, und die Ratte lernte, den Hebel häufiger zu betätigen, um die Belohnung zu erhalten. Skinner zeigte in weiteren Experimenten, dass Verhalten nicht nur durch Belohnungen, sondern auch durch Bestrafung oder negative Verstärkung geformt werden kann. Bei der negativen Verstärkung wird ein unangenehmer Reiz entfernt, um ein Verhalten zu verstärken, während Bestrafung die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines Verhaltens durch die Hinzufügung eines unangenehmen Reizes oder das Entfernen eines angenehmen Reizes verringert.
Obwohl sich die klassische und die operante Konditionierung in ihren Grundprinzipien unterscheiden, haben sie einige Gemeinsamkeiten. Beide Lernformen beruhen auf dem Prinzip des Assoziationslernens. Bei der klassischen Konditionierung wird eine Assoziation zwischen zwei Reizen hergestellt, während bei der operanten Konditionierung eine Verbindung zwischen Verhalten und den daraus resultierenden Konsequenzen gebildet wird. Darüber hinaus führen beide Konditionierungsformen zu Verhaltensänderungen. Sowohl bei der klassischen als auch bei der operanten Konditionierung kann es zur Löschung (Extinktion) des erlernten Verhaltens kommen, wenn der konditionierte Reiz nicht mehr mit dem unkonditionierten Reiz gepaart wird oder das Verhalten nicht mehr verstärkt wird (Bouton, 2004).
Die Unterschiede zwischen klassischer und operanter Konditionierung liegen vor allem in der Art des Lernens. Während die klassische Konditionierung reflexartige, automatische Reaktionen betrifft, wie das Speicheln der Hunde in Pavlovs Experiment, beschäftigt sich die operante Konditionierung mit willentlichem Verhalten. Die klassische Konditionierung ist also passiver Natur, während bei der operanten Konditionierung der Lernende eine aktive Rolle einnimmt, da das Verhalten durch die Konsequenzen gesteuert wird. Außerdem stehen bei der klassischen Konditionierung zwei Reize im Fokus, die miteinander assoziiert werden, während bei der operanten Konditionierung das Verhalten im Vordergrund steht, das durch Verstärkung oder Bestrafung verändert wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die klassische und operante Konditionierung zwei unterschiedliche, aber dennoch miteinander verwandte Lernformen sind. Die klassische Konditionierung basiert auf der Kopplung von Reizen, während die operante Konditionierung das Verhalten durch die Konsequenzen beeinflusst. Beide Theorien haben das Verständnis von Lernprozessen nachhaltig geprägt. Während die klassische Konditionierung oft zur Erklärung von reflexartigen Reaktionen herangezogen wird, findet die operante Konditionierung Anwendung bei der Erklärung von bewusstem, zielgerichtetem Verhalten.
Literaturverzeichnis
Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3. Auflage). Routledge.
Bouton, M. E. (2004). Context and behavioral processes in extinction. Learning & Memory, 11(5), 485-494. https://doi.org/10.1101/lm.78804
Skinner, B. F. (1938). The Behavior of Organisms: An Experimental Analysis. Appleton-CenturyCrofts.
Bewertung
Der Text beantwortet die Fragestellung gut und zufriedenstellend. Stellen Sie allerdings sicher, dass Erklärungsansätze vollständig ausgeführt weren und dabei auf die wichtigsten Aspekte eingegangen wird. Ihre Erklärung bezüglich der Nutzung der Amygdala ist beispielsweise nicht ideal erklärt. Alternativ könnte hier auch die Definition zum “Hebbian learning” eine gute Erklärung liefern. Achten Sie zudem darauf, dass Sie Abkürzungen nur bei Ihrer ersten Verwendung einführens.
Note: 5.25