Welchen Einfluss hat die Kultur auf das Gedächtnis? Nennen Sie auch ein konkretes Beispiel, welches Ihre Ausführungen veranschaulicht.

Kapitel 6
Gedächtnis
Kultur

Antwort

Die Kultur hat einen erheblichen Einfluss auf das Gedächtnis, indem sie die Art und Weise beeinflusst, wie Informationen gespeichert, abgerufen und verarbeitet werden. Laut Baddeley, Eysenck und Anderson (2020) sind Erinnerungen nicht nur individuelle mentale Prozesse, sondern werden stark von sozialen Kontexten geprägt.

In einer Studie von Bartlett (1932) wurde den Studierenden eine Geschichte von Nordamerikanischen Indianern vorgelegt. Als die Studierenden die Geschichte in eigenen Worten wiedergeben mussten, war sie oftmals kohärenter, kürzer und wurde dem eigenen Standpunkt angepasst. Bartlett (1932) postulierte hierzu das Konzept eines Schemas, einer langfristigen strukturierten Darstellung von Wissen, das von der erinnernden Person verwendet wurde, um neues Material zu verstehen und es anschließend zu speichern und abzurufen. Dieses Schemakonzept hat sich in der Folge als äußerst einflussreich erwiesen. So betonte Bartlett die Rolle sozialer und kultureller Einflüsse auf die Entwicklung von Schemata. Je nach dem, in welcher Kultur man grossgeworden ist, haben sich unterschiedliche Schemata entwickelt. Diese wiederum bestimmen die Art und Weise, wie Material kodiert, gespeichert und anschließend abgerufen wird. Deswegen kann es sein, dass eine Erinnerung durch Schemata der Kultur verzerrt werden und unterschiedliche Kulturen ein gleiches Ereignis anders abspeichern. Es lohnte sich hierzu Gedächtnisfehler, die Menschen machten, genauer zu untersuchen.

Mit weiteren Studien wurde diese Theorie von Bartlett unterstützt und Gedächtnisfehler aufgrund von Schemata untersucht. Beispielsweise versuchten Sulin und Doolin (1974) Bartletts Theorie zu testen, einschliesslich seiner Annahme, dass systematische, schemagesteuerte Fehler bei einem langen Aufbewahrungsintervall größer sind als nach einer kurzen Verzögerung, da schematische Informationen länger im Gedächtnis bleiben als detailliertere Informationen im Text. Sie gaben einer Gruppe ihrer Probanden eine Beschreibung über einen Diktator namens Gerald Martin. Die andere Gruppe ihrer Studie bekam die gleiche Geschichte präsentiert, jedoch wurde der Name Gerald Martin durch Adolf Hitler ersetzt. Diejenigen Teilnehmer, die sagten, die Geschichte sei von Adolf Hitler, glaubten viel eher als die anderen Teilnehmer fälschlicherweise, sie hätten den Satz „Er hasste die Juden besonders und verfolgte sie deshalb” gelesen. Ihr schematisches Wissen über Hitler verzerrte ihre Erinnerungen an das, was sie bei einem langen Erinnerungsintervall von ca. einer Woche, aber nicht bei einem kurzen Intervall gelesen hatten.

Doch auch positive Effekte sind bei Schemata zu verzeichnen. So scheint es zu unterstützen, wenn kontextbezogene Hinweise während der Enkodierung geeignete Schemata hervorrufen. Abschliessend lässt sich so festhalten, dass während der Speicherung, dem Abruf und der Verarbeitung von Information im Gedächtnis kognitive Schemata, welche von der Kultur beeinflusst werden, eine massgebende Rolle spielen.

Literaturverzeichnis

Baddeley, A., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2020). Memory (3rd ed.). Routledge.

Bartlett, F.C. (1932) . Remembering. Cambridge: Cambridge University Press.

Sulin, R. S., & Dooling, D.J. (1974). Intrusion of a thematic idea in retention of prose. Journal of Experimental Psychology, 103, 255-262.

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Die Antwort könnte tiefgründiger ausgearbeitet werden. Da die Anzahl der vorgegebenen Wörter wurde deutlich unterschritten wurde, wäre noch Platz für weitere Überlegungen möglich (z.B. Differenzierung zwischen Einfluss von Kultur auf Speicherung, Verarbeitung und Abruf). Ebenfalls könnte der Transfer des Wissens erhöht werden, z.B. indem ein alltagsnahes Beispiels verwendet wird.

Beachten Sie zudem, dass Journals im Literaturverzeichnis kursiv gesetzt werden und bei Quellenangaben im Text bei drei oder mehr Autoren “et al.” verwendet wird. Im APA Manual finden Sie weitere Informationen diesbezüglich.

Note: 4.5