Was ist in der Gedächtnisforschung mit der Introspektionsmethode gemeint? Was sind die Vorteile und die Nachteile dieser Methode? Was war der erste Ansatz, um die Nachteile der Introspektionsmethode zu überwinden?

Kapitel 1
Gedächtnisforschung
Introspektion

Antwort

Die Introspektionsmethode bezeichnet in der Gedächtnisforschung einen Forschungsansatz, bei dem Personen ihre bewussten Erfahrungen oder mentalen Zustände beschreiben (American Psychological Association, 2018). Introspektion wird als Selbstbeobachtung innerer Vorgänge, also ein Hineinschauen in eigene Gedanken definiert (Fahrenberg, 2016). Beispielsweise kann das Erinnern an einen zuvor besuchten Ferienort innere Bilder oder Geruchserinnerungen hervorrufen. Diese können anschliessend verbal beschrieben und wiedergegeben werden. Dieser Forschungsansatz hat sowohl Vorteile als auch Nachteile.

Ein klarer Vorteil dieser Methode ist, dass die Berichte Einblicke in Gedächtnisinhalte einzelner Personen liefern und so erste Hinweise darüber geben, was Gedächtnis sein könnte. Die Introspektionsmethode war eine der ersten Möglichkeiten, das Gedächtnis zu erforschen, bevor die experimentelle Psychologie entstand. Auch wenn sie erste Anhaltspunkte zum Verständnis des Gedächtnisses bietet, stösst sie hier an ihre Grenze (Baddeley et al., 2025).

Ein erster Nachteil ist, dass introspektive Berichte von Personen sehr subjektiv sind. Das verdeutlicht das Beispiel, bei dem Sir Francis Galton Ende des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Männern bat über ihr Frühstück an diesem Morgen nachzudenken. Sie sollten anschliessend beschreiben, wie lebendig ihre Erinnerung daran war. Er erhielt eine Vielzahl an Antworten. Das zeigt, dass sich das Erinnern stark zwischen Personen unterscheidet. Diese Unterschiede der Berichte hängen jedoch nicht mit der Genauigkeit von Erinnerungen zusammen. Einige Menschen sehen bei der Introspektion zum Beispiel «innere visuelle Bilder», andere wiederum nicht. Introspektive Berichte allein reichen deshalb nicht aus, um zu erforschen, was das Gedächtnis genau ist. Neben diesem ersten Nachteil gibt es noch 2 einen weiteren. Wir sind uns nur eines kleinen Teils der Mechanismen bewusst, die unser Denken und Erinnern steuern. So wird beispielsweise nur die Erinnerung an etwas wahrgenommen, die Prozesse, welche diese Erinnerung beeinflussen, finden jedoch nicht bewusst statt. Das lässt sich beobachten, wenn Menschen sich an eine Situation erinnern, ohne zu wissen, weshalb sie in diesem Moment präsent wird. Für ein Verständnis darüber, wie das Gedächtnis funktioniert, reichen die bewussten Prozesse demnach nicht aus. Um auch unbewusste Vorgänge zu erfassen und objektive Daten zu erhalten, braucht es weitere empirische Methoden (Baddeley et al., 2025).

Der erste Ansatz, um die Nachteile der Introspektionsmethode zu überwinden, entwickelte der deutsche Philosoph Hermann Ebbinghaus. Er schuf einen experimentellen Ansatz und machte das Gedächtnis dadurch zu einem empirisch erforschbaren Gegenstand. Sein Ansatz entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als im Bereich der Psychophysik untersucht wurde, wie äussere Reize mit der Wahrnehmung zusammenhängen. Experimente wurden damals jedoch als ungeeignet betrachtet, um Lernen und Gedächtnis zu untersuchen. Ebbinghaus widerlegte diese Annahme 1885 mit seiner Forschung. Er führte über zwei Jahre Selbstexperimente durch und konnte so zeigen, dass das Gedächtnis experimentell untersucht werden kann. Dazu entwickelte er «Nonsens-Silben» (Konsonant- Vokal-Konsonant-Lautfolgen), die er zuerst verbal erlernte und später wiedergab. Diese Silben wählte er bewusst ohne Bedeutung, damit sie das Lernen nicht erleichterten oder beeinflussten. Zudem wurden sie schnell präsentiert, damit auch hier keine Bedeutung assoziiert werden konnte. Durch diesen Ansatz konnte Ebbinghaus Daten empirisch sammeln und das Gedächtnis objektiv messbar machen. Er entdeckte dadurch wichtige Grundprinzipien des Lernens (Baddeley et al., 2025). Unter anderem erstellte er die Vergessenskurve, die darstellt, wie schnell neu gelerntes Material wieder vergessen wird. Sie zeigt auf, dass Menschen am Anfang schnell und dann zunehmend langsamer vergessen (Ebbinghaus, 1885, zitiert nach Baddeley et al., 2025). 3

Durch die Ergebnisse seiner Forschung zum Gedächtnis konnte Ebbinghaus belegen, dass systematische Beziehungen zwischen den Lernbedingungen und dem Lernumfang erfassbar sind. Seine Arbeit gilt als Ausgangspunkt für den Forschungsansatz, der später als verbales Lernen bezeichnet wurde (Baddeley et al., 2025). Beim verbalen Lernen werden Lern- und Gedächtnisprozesse experimentell untersucht, typischerweise durch das Merken und Wiedergeben von Listen aus sinnlosen Silben oder Wörtern (McGeoch & Irion, 1952, zitiert nach Baddeley et al., 2025). Besonders in den USA wurde dieser Forschungsansatz weiterentwickelt. Es wurde verstärkt untersucht, wie Lernen mit bereits vorhandenem Wissen interagiert. Der Schwerpunkt lag dabei auf der systematischen Erfassung und Beschreibung von Phänomenen und weniger auf der Entwicklung einer umfassenden Theorie. Es entstanden zwar grössere Theorien, die auf Assoziationen von Reizen und Reaktionen basierten, diese führten jedoch zu Streitigkeiten. Deshalb gewann der Ansatz des verbalen Lernens später an Einfluss und zog weitere Forschende an, die sich für den Zusammenhang von Gedächtnis und Lernen interessierten (Baddeley et al., 2025).

Literaturverzeichnis

American Psychological Association. (2018). Introspective method. APA Dictionary of Psychology. Abgerufen am 13. September 2025 von https://dictionary.apa.org/introspective-method

Baddeley, A., Eysenck, M.W., & Anderson, M.C. (2025). Memory (4th ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003453536

Fahrenberg, J. (2016). Introspektion. Dorsch Lexikon der Psychologie. Abgerufen am 13. September 2025 von https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/introspektion

Bewertung

Bewertung durch das Modulteam

Der Text beantwortet die Frage zufriedenstellend. Relevante Konzepte (z.B. Introspektion) müssen allerdings noch definiert werden.

Formel ist zu beachten, dass das Literaturverzeichnis nicht korrekt nach APA formatiert ist (z.B. müsste das Buch “Memory” kursiv gesetzt werden.

Note: 5.5