Essayfrage: Kurzzeitgedächnis – Speichersysteme

Autor:in

Nicolas Rothen

Frage

Was für Evidenz gibt es, dass es separate Speichersysteme für visuelle und räumliche Informationen gibt?

Musterlösung

Evidenz für separate relative unabhängige Speichersysteme für visuelle und räumliche Informationen basieren auf Studien, die interferierende Aktivitäten zwischen Lern- und Testphase eingefügt haben. Das heisst, eine auf räumlichen Prozessen beruhende (Kurzzeitgedächtnis-)Aufgabe ist anfällig für Interferenz durch eine andere Aufgabe, welche auch auf räumlichen Prozessen beruht und somit zusätzlich die begrenzten Ressourcen für die Verarbeitung räumlicher Information beansprucht. Hingegen ist eine auf visuellen objektbasierten Prozessen beruhende (Kurzzeitgedächtnis-)Aufgabe anfällig für Interferenz durch eine andere Aufgabe, welche auch auf visuellen objektbasierten Prozessen beruht und somit zusätzlich die begrenzten Ressourcen für die Verarbeitung visueller objektbasierter Information beansprucht.

Dies wurde eindrücklich von Klauer und Zhao (2004) in einer Reihe von Experimenten gezeigt. Dabei wurden eine visuelle objektbasierte und eine räumliche Aufgabe einander gegenübergestellt. In der visuellen Aufgabe mussten sich die Versuchspersonen chinesische Schriftzeichen merken. In der räumlichen Aufgabe mussten sich die Versuchspersonen die Position eines weissen Punktes auf einem schwarzen Hintergrund merken. In beiden Aufgaben wurde in jedem Durchgang ein Reiz präsentiert, auf den ein 10 Sekunden langes Behaltensintervall folgte, nach welchem die Versuchspersonen aus acht Alternativen auswählen mussten, welcher Reiz bzw. an welcher Position der Reiz präsentiert wurde. Während dem 10 Sekunden Intervall mussten die Versuchspersonen entweder eine zusätzliche visuelle oder eine räumliche Aufgabe lösen. In der zusätzlichen visuellen Aufgabe mussten die Versuchspersonen eine Reihe von Farben verarbeiten. Es wurden acht Farben präsentiert. Sieben waren von der gleichen Farbkategorie, eine war von einer anderen Farbkategorie. Die Versuchsperson musste bestimmen, welche Farbe aus der anderen Kategorie war. In der zusätzlichen räumlichen Aufgabe mussten die Versuchspersonen sich bewegende Sterne verarbeiten. Dabei haben sich immer 11 Sterne über den Bildschirm bewegt und ein 12. Stern an einer zufälligen Position hat sich nicht bewegt. Die Versuchspersonen mussten den stationären Stern identifizieren. Bei der visuellen Aufgabe viel die Leistung schlechter aus, wenn die Versuchspersonen im Behaltensintervall die zusätzliche visuelle Aufgabe machen mussten, nicht aber wenn die Versuchspersonen die zusätzliche räumliche Aufgabe machen mussten. Mit der räumlichen Aufgabe verhielt es sich umgekehrt. Die Versuchspersonen zeigten bei der räumlichen Aufgabe schlechtere Leistungen, wenn sie im Behaltensintervall die zusätzliche räumliche Aufgabe lösen mussten, nicht aber wenn die Versuchspersonen die zusätzliche visuelle Aufgabe machen mussten. Dies bedeutet, dass Aufgaben, welche auf überlappenden Prozessen beruhen, miteinander interferieren. Umgekehrt beruhen Aufgaben, welche nicht miteinander interferieren, nicht auf überlappenden Prozessen. Dadurch lässt sich die relative Unabhängigkeit zweier Systeme aufzeigen.