Essayfrage: Vergessen – Abrufinduziert

Autor:in

Nicolas Rothen

Frage

Was sind die Hauptbefunde, die darauf hindeuten, dass Inhibitionsmechanismen zu abrufinduziertem Vergessen (retrieval induced forgetting) beitragen?

Musterlösung

Abrufinduziertes Vergessen beschreibt das Phänomen, dass der Abruf von Zielreizen aus dem Langzeitgedächtnis den späteren Abruf von anderen mit den Zielreizen assoziierten Reizen verringert. Beispielsweise führt der Abruf des Zielworts Banane auf den Hinweisreiz Frucht dazu, dass das Wort Orange schlechter auf den Hinweisreiz Frucht abgerufen werden kann. Verschiedene Beobachtungen deuten darauf hin, dass abrufinduziertes Vergessen aufgrund von Inhibitionsmechanismen zustande kommt:

Abruf-Spezifität: Abrufinduziertes Vergessen kommt spezifisch beim Abruf von Assoziationen zu Stande, nicht aber beim Lernen von Assoziationen. So ist zum Beispiel der Abruf von Orange auf das Wort Frucht schlechter, wenn zuvor das Wort Banane auf das Wort Frucht abgerufen wurde. Der Abruf des Worts Orange wird jedoch nicht verringert, wenn zuvor das Wortpaar Frucht – Banane gelernt wurde. Da zur Überwindung der Interferenz zwischen Banane und Orange, die beim initialen Abruf herrscht, Inhibitionsmechanismen nötig sind, deutet diese Beobachtung darauf hin, dass Inhibition beim abrufinduzierten Vergessen eine Rolle spielt.

Interferenz-Abhängigkeit: Damit es zu abrufinduziertem Vergessen kommt, ist Interferenz nötig. Wörter, die im Sprachgebrauch öfter vorkommen, erzeugen eher Interferenz, da sie einem viel leichter einfallen. So erzeugt das Zielwort Banane eher Interferenz zum Konkurrenzwort Orange auf den Hinweis Frucht als das Konkurrenzwort Guave. In Übereinstimmung mit dieser Vorhersage ist abrufinduziertes Vergessen tatsächlich ausgeprägter zu beobachten bei Konkurrenzwörtern, die im Sprachgebrauch häufiger auftreten.

Aufmerksamkeits-Abhängigkeit: Abrufinduziertes Vergessen ist in Situationen geteilter Aufmerksamkeit reduziert. Das heisst, der Abruf des Wortes Banane auf den Hinweis Frucht verringert den Abruf des Wortes Orange auf den Hinweis Frucht nicht, wenn Banane auf den Hinweis Frucht unter geteilter Aufmerksamkeit abgerufen wurde. Dies deutet darauf hin, dass abrufinduziertes Vergessen durch Inhibition zustande kommt, da die zur Inhibition nötigen Aufmerksamkeitsprozesse bei der geteilten Aufmerksamkeit nicht zur Verfügung stehen.

Reiz-Unabhängigkeit: Abrufinduziertes Vergessen ist unabhängig vom Hinweisreiz zu beobachten. Durch den Abruf des Wortes Banane auf den Hinweis Frucht, wird der Abruf von Orange nicht nur auf den Hinweis Frucht verringert, sondern auch auf andere Hinweise. Dies deutet darauf hin, dass das Wort Orange tatsächlich gehemmt wird und nicht bloss die Verbindung zwischen Frucht und Orange geschwächt wurde.

Stärke-Unabhängigkeit: Abrufinduzierte Vergessen kann bereits durch den Abrufversuch erzeugt werden. So erzeugen Abrufversuche von unmöglichen Assoziationen wie z.B. Frucht – Lu… bereits abrufinduziertes Vergessen bei Frucht – Or…, auch wenn es keine Frucht gibt, die mit «Lu» beginnt. Dies deutet darauf hin, dass abrufinduziertes Vergessen ein Resultat des Abrufversuchs unter Interferenzbedingungen ist. Das heisst, abrufinduziertes Vergessen ist nicht das Resultat der Stärkung einer Assoziation sondern ein Resultat von Inhibitionsmechanismen.